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Individualsoftware vs. Standardlösung: Wann sich Custom Development lohnt

Die Build-vs-Buy-Entscheidung: Wann sich Eigenentwicklung lohnt, wann Standardsoftware reicht und wie du die richtige Wahl für dein Unternehmen triffst.

Jonas HöttlerJonas Höttler
29. Januar 2026
14 min Lesezeit
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Individualsoftware vs. Standardlösung: Wann sich Custom Development lohnt

Individualsoftware vs. Standardlösung: Wann sich Custom Development lohnt

"Sollen wir kaufen oder selbst bauen?" - diese Frage stellt sich bei fast jedem Softwareprojekt. Die Antwort ist selten einfach, aber mit dem richtigen Framework lässt sie sich systematisch beantworten.

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Grundlagen: Build vs. Buy
  2. Wann Standardsoftware die richtige Wahl ist
  3. Wann Individualsoftware Sinn macht
  4. Die wahren Kosten im Vergleich
  5. Entscheidungsframework
  6. Hybrid-Ansätze
  7. Checkliste für deine Entscheidung

Die Grundlagen: Build vs. Buy

Was ist Standardsoftware?

Fertige Produkte, die von vielen Unternehmen genutzt werden:

Beispiele:

  • CRM: Salesforce, HubSpot, Pipedrive
  • ERP: SAP, Odoo, Microsoft Dynamics
  • Buchhaltung: DATEV, lexoffice, Sage
  • Projektmanagement: Asana, Monday, Jira

Vorteile:

  • Sofort einsatzbereit
  • Bewährt und getestet
  • Regelmäßige Updates
  • Community und Support

Nachteile:

  • Begrenzte Anpassbarkeit
  • Abhängigkeit vom Anbieter
  • Oft Features, die du nicht brauchst
  • Laufende Lizenzkosten

Was ist Individualsoftware?

Maßgeschneiderte Lösungen, speziell für dein Unternehmen entwickelt:

Beispiele:

  • Branchenspezifische Warenwirtschaft
  • Individuelle Kundenportale
  • Spezielle Workflow-Systeme
  • Eigene Apps und Plattformen

Vorteile:

  • Exakt auf deine Prozesse zugeschnitten
  • Wettbewerbsvorteil durch Differenzierung
  • Volle Kontrolle und Eigentumsrechte
  • Keine Lizenzkosten

Nachteile:

  • Hohe Anfangsinvestition
  • Längere Time-to-Market
  • Du bist für Wartung verantwortlich
  • Risiko von Fehlentwicklungen

Wann Standardsoftware die richtige Wahl ist

Regel 1: Der Prozess ist branchenüblich

Frage: Machen andere Unternehmen in deiner Branche das gleiche?

Wenn ja → Standardsoftware ist wahrscheinlich besser.

Beispiele für branchenübliche Prozesse:

  • Buchhaltung (DATEV, lexoffice)
  • E-Mail-Marketing (Mailchimp, HubSpot)
  • HR-Verwaltung (Personio, BambooHR)
  • Projektmanagement (Asana, Jira)

Warum? Millionen wurden investiert, um diese Probleme zu lösen. Du profitierst von diesem Investment.

Regel 2: Keine Differenzierung durch Software

Frage: Ist die Software entscheidend für deinen Wettbewerbsvorteil?

Wenn nein → Standardsoftware ist wahrscheinlich besser.

Beispiele:

  • Deine Buchhaltung ist kein USP
  • Dein E-Mail-Tool macht dich nicht besser als die Konkurrenz
  • Standard-CRM reicht für deine Vertriebsprozesse

Regel 3: Budget und Zeit sind begrenzt

Frage: Brauchst du die Lösung schnell und günstig?

Wenn ja → Standardsoftware ist wahrscheinlich besser.

AspektStandardsoftwareIndividualsoftware
Time-to-Market1-4 Wochen3-12 Monate
Anfangskosten€100-€10.000€30.000-€500.000
RisikoNiedrigHöher

Regel 4: Die Anforderungen sind unklar

Frage: Weißt du genau, was du brauchst?

Wenn nein → Starte mit Standardsoftware.

Standardsoftware hilft, Anforderungen zu verstehen. Erst wenn du weißt, was fehlt, macht Custom Development Sinn.


Wann Individualsoftware Sinn macht

Regel 1: Einzigartige Geschäftsprozesse

Frage: Sind deine Prozesse so speziell, dass keine Standardlösung passt?

Indikatoren:

  • Du musst Standard-Software extrem anpassen
  • Workarounds sind kompliziert und fehleranfällig
  • Mitarbeiter arbeiten parallel in Excel
  • Du brauchst Integration, die es nicht gibt

Beispiel: Ein Logistikunternehmen mit speziellen Routen-Optimierungen, die kein Standard-TMS abbilden kann.

Regel 2: Software ist Kern deines Produkts

Frage: Ist Software zentral für dein Geschäftsmodell?

Wenn ja → Individualsoftware ist wahrscheinlich besser.

Beispiele:

  • SaaS-Unternehmen (dein Produkt IST Software)
  • Tech-enabled Services (Software macht den Unterschied)
  • Digitale Plattformen (Marktplätze, Netzwerke)

Regel 3: Wettbewerbsvorteil durch Technology

Frage: Gibt dir individuelle Software einen echten Vorsprung?

Indikatoren:

  • Konkurrenz hat keinen Zugang zur gleichen Technologie
  • Automatisierung schafft Kostenvorteile
  • Kunden wählen dich wegen deiner digitalen Lösung
  • Prozesse sind 10x schneller/besser als bei der Konkurrenz

Regel 4: Langfristige strategische Bedeutung

Frage: Wirst du diese Software in 10 Jahren noch brauchen?

Wenn ja → Die höhere Anfangsinvestition amortisiert sich.

Rechnung:

Standardsoftware: €2.000/Monat × 120 Monate = €240.000
Individualsoftware: €150.000 + (€500/Monat × 120) = €210.000

→ Custom ist nach 5-7 Jahren oft günstiger

Regel 5: Daten und Kontrolle sind kritisch

Frage: Müssen die Daten bei dir bleiben?

Gründe für Custom:

  • Hochsensible Daten (Gesundheit, Finanzen)
  • Regulatorische Anforderungen (DSGVO, etc.)
  • Keine Abhängigkeit von Drittanbietern gewünscht
  • Volle Kontrolle über den Quellcode

Die wahren Kosten im Vergleich

Kostenstruktur Standardsoftware

KostenartJahr 1Jahre 2-55-Jahres-TCO
Lizenz/Abo€12.000€12.000/Jahr€60.000
Implementierung€10.000-€10.000
Schulung€3.000€1.000/Jahr€7.000
Anpassungen€5.000€2.000/Jahr€13.000
Integration€8.000€1.000/Jahr€12.000
Gesamt€38.000€16.000/Jahr€102.000

Kostenstruktur Individualsoftware

KostenartJahr 1Jahre 2-55-Jahres-TCO
Entwicklung€100.000-€100.000
Hosting€3.000€3.000/Jahr€15.000
Wartung-€10.000/Jahr€40.000
Weiterentwicklung-€15.000/Jahr€60.000
Schulung€2.000€500/Jahr€4.000
Gesamt€105.000€28.500/Jahr€219.000

Der Knackpunkt: Versteckte Kosten

Standardsoftware - versteckte Kosten:

  • Premium-Features, die du später brauchst
  • Preissteigerungen bei Vertragsverlängerung
  • Kosten für Workarounds
  • Opportunitätskosten durch Einschränkungen
  • Abhängigkeit (Vendor Lock-in)

Individualsoftware - versteckte Kosten:

  • Scope Creep während der Entwicklung
  • Technische Schulden
  • Fluktuation im Entwicklerteam
  • Dokumentation und Wissenstransfer
  • Sicherheitsupdates und Patches

Break-Even-Analyse

Wann wird Custom günstiger?

Standardsoftware: €16.000/Jahr laufend
Individualsoftware: €28.500/Jahr laufend
Differenz Jahr 1: €67.000 (Custom teurer)

Break-Even erreicht, wenn:
- Standard-Lizenz steigt >15%/Jahr
- Custom-Wartung sinkt auf €15.000/Jahr
- Mehrwert durch Custom > €12.500/Jahr Ersparnis

Entscheidungsframework

Schritt 1: Strategische Relevanz bewerten

FrageJaNein
Ist die Software kern für dein Geschäftsmodell?+2 Custom+2 Standard
Differenziert sie dich vom Wettbewerb?+2 Custom+2 Standard
Wirst du sie in 10 Jahren noch brauchen?+1 Custom+1 Standard

Schritt 2: Anforderungen bewerten

FrageJaNein
Sind deine Prozesse einzigartig?+2 Custom+2 Standard
Brauchst du tiefe Integration?+1 Custom+1 Standard
Sind Anforderungen klar definiert?+1 Custom+2 Standard

Schritt 3: Ressourcen bewerten

FrageJaNein
Hast du €100k+ Budget?+1 Custom+2 Standard
Hast du 6+ Monate Zeit?+1 Custom+2 Standard
Hast du interne IT-Kompetenz?+1 Custom+1 Standard

Schritt 4: Auswerten

SummeEmpfehlung
Standard > Custom +4Klare Empfehlung: Standardsoftware
Standard > Custom +1-3Tendenz: Standardsoftware
Gleich (±0)Hybrid-Ansatz prüfen
Custom > Standard +1-3Tendenz: Individualsoftware
Custom > Standard +4Klare Empfehlung: Individualsoftware

Hybrid-Ansätze

Option 1: Standard + Individuell erweitern

Konzept: Standardsoftware als Basis, Custom für Spezialfunktionen.

Beispiel:

  • Basis: Salesforce CRM
  • Custom: Spezielle Reporting-Module via API
  • Vorteil: Best of both worlds

Wann sinnvoll:

  • 80% der Anforderungen durch Standard abgedeckt
  • Kritische 20% brauchen Individuallösung
  • API-Zugang vorhanden

Option 2: Low-Code/No-Code als Brücke

Konzept: Plattformen wie Bubble, Retool oder Airtable.

Beispiel:

  • Schneller Prototyp in No-Code
  • Validierung des Konzepts
  • Bei Erfolg: Custom-Entwicklung für Skalierung

Wann sinnvoll:

  • Unsicherheit über Anforderungen
  • Begrenztes Budget
  • Schnelle Iteration wichtig

Option 3: Custom auf Open-Source-Basis

Konzept: Open-Source als Fundament, Custom für Spezifisches.

Beispiel:

  • Basis: Odoo (Open Source ERP)
  • Custom: Eigene Module für spezielle Prozesse
  • Vorteil: Geringere Entwicklungskosten

Wann sinnvoll:

  • Komplexes System nötig
  • Aber nicht alles von Null entwickeln
  • Open-Source-Kompetenz vorhanden

Checkliste für deine Entscheidung

Vor der Entscheidung

Anforderungen:

  • Alle Stakeholder befragt
  • Muss- vs. Kann-Anforderungen getrennt
  • Aktuelle Prozesse dokumentiert
  • Zukünftige Anforderungen bedacht

Marktanalyse:

  • Mindestens 5 Standardlösungen geprüft
  • Demos durchgeführt
  • Referenzen eingeholt
  • Preise über 5 Jahre gerechnet

Interne Ressourcen:

  • Budget realistisch geplant
  • Zeitrahmen mit Puffer
  • IT-Kompetenz bewertet
  • Change-Management bedacht

Bei der Entscheidung

Für Standardsoftware:

  • Exit-Strategie definiert
  • Vertragslaufzeit optimiert
  • Erweiterbarkeit geprüft
  • Datenmigration geplant

Für Individualsoftware:

  • Detailliertes Pflichtenheft
  • Entwicklungspartner evaluiert
  • Eigentumsrechte geklärt
  • Wartungsvertrag geplant

Fazit: Die richtige Frage stellen

Die Frage ist nicht "Build oder Buy?", sondern:

"Welcher Ansatz schafft den meisten Wert für mein Unternehmen?"

Wähle Standardsoftware, wenn:

  • Der Prozess branchenüblich ist
  • Du schnell starten willst
  • Software kein Differenzierungsmerkmal ist
  • Budget und Risiko begrenzt sein sollen

Wähle Individualsoftware, wenn:

  • Deine Prozesse einzigartig sind
  • Software dein Geschäftsmodell IST
  • Du einen echten Wettbewerbsvorteil brauchst
  • Du langfristig unabhängig sein willst

Wähle einen Hybrid-Ansatz, wenn:

  • Du unsicher bist
  • Standard zu 80% passt
  • Du flexibel bleiben willst

Nächste Schritte

Du stehst vor der Build-vs-Buy-Entscheidung?

Bei Balane Tech helfen wir dir, die richtige Entscheidung zu treffen - und sie umzusetzen. Egal ob Standardsoftware-Integration oder Custom Development. Kostenloses Erstgespräch vereinbaren

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